4. Oktober 2022

Die Toten Hosen: „Kraft tanken für all die Scheiße“

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Hits, Pyros, Claudia Roth auf der Tribüne – die Toten Hosen spielten am Samstag vor 60.000 Fans in Berlin. Doch Sänger Campino hatte einiges zu beklagen.

Mit Punk Rock über 40 Jahre eine erfolgreiche Karriere zu haben, über 14 Millionen Alben zu verkaufen, zwölfmal auf Platz 1 der deutschen Charts zu landen und eine ausverkaufte Geburtstagstour durch die Stadien der Republik zu spielen – davon hätte nicht mal Campino geträumt, als sich 1982 die Toten Hosen gründeten. Aber genauso ist es gekommen. Kaum eine deutsche Rockband ist erfolgreicher als sie. In Berlin feierte man am Samstagabend mit 60.000 Fans jetzt den 40. Bandgeburtstag. Es gab viele Überraschungen – auf der Bühne, aber auch im Publikum.

Der Konzertabend vor den Bauten des ehemaligen Flughafens Tempelhof begann mit der ukrainischen Band Stoned Jesus, die von den Düsseldorfer Punks eingeladen worden waren. Thees Uhlmann legte mit seinen Solosongs nach, bevor die Nordlichter Feine Sahne Fischfilet 45 Minuten Stimmung machten und Flaschenbier im Publikum verteilten. Punk Rock ist ja irgendwie auch Partymusik mit Gitarren.

Campino „Fühle mich wie 80“

Doch auch dieses fulminante Vorprogrammtrio verblasst, als dann die Hosen um 20.45 Uhr ihr Western-Intro abspielten und unter frenetischem Applaus die Bühne betraten. Sänger Campino rannte zur Begrüßung erst einmal die komplette Bühne ab. Und der Mann, der vor wenigen Wochen erst seinen 60. Geburtstag feierte, sollte dieses Tempo für die nächsten 135 Minuten beibehalten.

Dabei sprach er oft das Alter ein. Das der Band, aber auch sein eigenes. Vor dem Vibrators-Cover „Halbstark“ scherzte er: „Morgens fühle ich mich wie 80, mittags wie 75.“ Aber Mensch, was hat der 60-jährige Campino abgerockt. Der Frontmann war ständig in Bewegung, rannte von einer Bühnenseite zur anderen, animierte die Massen beim größten Konzert dieser Tour.

Generell haben die Altpunker aus der „Modestadt Düsseldorf“ viel Gas gegeben. Campino war schon beim zweiten Song durchgeschwitzt. Bassist Andi joggte bestimmt auch einige Kilometer auf der Bühne. Klassiker wie „Paradies“, „Bonnie & Clyde“ oder später auch „Zehn kleine Jägermeister“ wurden deutlich schneller gespielt als auf den Studioaufnahmen. Doch bei diesen blitzschnellen Gassenhauern war wirklich von der ersten bis zur letzten Reihe des riesigen Areals eine ausgelassene Stimmung.

„Hier gibt es diesen Krieg nicht nur im Fernsehen“

Doch immer wieder werden auch ernste Töne angeschlagen. Campino sprach die Probleme dieser Welt an. Dass man mit Stoned Jesus eine Band aus der Ukraine gewinnen konnte, sei unter den aktuellen Umständen gar nicht so einfach gewesen. Die Musiker mussten allein anreisen, ohne ihre Crew. Generell habe der Sänger den Eindruck, dass der Krieg in Berlin präsenter sei als in anderen Städten.

„Hier gibt es diesen Krieg nicht nur im Fernsehen“, sagte er. „Hier muss man nur zum Bahnhof latschen. Abende wie diese sind nicht normal. […] In drei Wochen kann es schon ganz anders aussehen. Man kann sich nicht ausmalen, was passiert, wenn dieser Krieg eskaliert.“ Umso wichtiger sei es, dass man Konzerte nicht als selbstverständlich ansieht, sondern bewusst wahrnimmt. „Man muss Kraft tanken für all die Scheiße, die auf uns zukommen wird.“